Pressestimmen

Ein völlig verrücktes Weinjahr

Erst der Frost – und nun machen Wespen, Vögel, Fuchs und Dachs den Winzern zu schaffen

Quelle: WB /wek 17.08.17

 

Wallis. Erst bangten die Winzer wegen des Frosts um ihre Trauben, jetzt stellen ihnen Wespen, Vögel, Fuchs und Dachs nach. Der Grund: Aufgrund des Frosts gibt es kaum wilde Beeren. Und die Tiere haben Hunger.

«So viele Wespen wie in diesem Jahr habe ich in den Reben wahrscheinlich noch nie erlebt. Und auch die Vögel stürzen sich wie verrückt auf die Trauben. Hinzu kommen Fuchs und Dachs. Praktisch alles, was Freude an Trauben haben kann, kreucht und fleucht nun in den Rebbergen herum», teilt Hans-Peter Baumann mit. Der Önologe betreibt in Turtmann die Kellerei Diroso und vinifiziert für zahlreiche Winzer Weine.
 

Nachwirkungen des Frühjahrsfrosts

Den Grund für die Invasion der Wildtiere in die Rebberge sieht Baumann im grossen Frühjahrsfrost: «Es gibt praktisch keine Wildfrüchte wie etwa Sauerkirschen. Und auch die wilden Beerensorten sind äusserst rar. Deshalb bleiben den hungrigen Tieren nur noch die Reben.» Vogelnetze bieten zwar Schutz vor Vögeln, aber keinen vor Wespen. Und schon gar nicht vor Fuchs und Dachs, die meist mitten in der dunkelsten Nacht im Rebberg zuschlagen. Die Feinschmecker wissen sich beim Plündern der Traubenbestände wohl zu helfen und zerreissen problemlos Vogelnetze, um sich Zutritt zu den süssen Früchten zu verschaffen. Baumann setzt einen Abschreck-Apparat ein, der alle paar Minuten einen hellen Raubvogel-Schrei ausstösst. Kostenpunkt: 1500 Franken. «Doch diesen Apparat darf man nur ausserhalb der Wohnzonen einsetzen. In einer solchen Parzelle setzt er deshalb sehr tief gesetzte Elektrozäune ein. «Bis jetzt funktioniert es. Doch ob es bis zur Ernte hilft?», fragt er sich.
 

Trauben-Reifung mit Vorsprung

Apropos Ernte: auch hier spielt das Weinjahr völlig verrückt. Vom Frost nicht betroffene Parzellen haben einen Vorsprung von rund zwei Wochen auf den langjährigen Durchschnitt. «Ich rechne, dass für Muscat, Riesling, Gewürztraminer, teilweise Johannisberg und die Piwi-Sorten Bianca und Regent die Ernte bereits in der letzten August- oder ersten Septemberwoche stattfinden wird», so Baumann. Für die Hauptsorten Pinot Noir, Gamay und Fendant rechnet er mit einem Erntebeginn Mitte September oder spätestens am 21. September. Und für die Spätsorten Syrah, Humagne Rouge, Merlot oder Heida Anfang bis Mitte Oktober.

In Parzellen hingegen, die vom Frost betroffen waren, aber dennoch Früchte tragen, wird die Ernte weitaus später stattfinden. «Diese haben einen Rückstand von mehreren Wochen. Und in einigen Parzellen lohnt es sich, die Ernte gestaffelt durchzuführen, weil einige Stöcke gar keine Schäden durch den Frost erlitten haben, andere hingegen schon. Doch nicht alle Erntehelfer sind erfahren genug, vollreife Trauben von weniger reifem Traubengut zu unterscheiden», erklärt der Önologe.
 

«Bitte keinen Föhn»

Immerhin sind die Trauben gesund: «Wer seinen Spritzplan eingehalten hat, darf mit sehr schönen Trauben rechnen», sagt Baumann. Aufgrund der über 30 Hitzetage mit 30 und mehr Grad könnte dieses Jahr aber ein säurearmes Jahr werden. Aufgrund dessen wünscht sich Baumann in den folgenden Wochen zwar warme Tage (nicht über 30 Grad), dafür aber kühle Nächte: «Und momentan bitte keinen Föhn. Die Trauben haben bereits genug Vorsprung. Wer will denn schon Ende August mit der Ernte anfangen?» Und anders als im letzten Jahr, als die weissen Sorten Fendant oder Johannisberg aufgrund der grossen Hitze und der Trockenheit unter Stress-Symptomen litten, weisen sie dieses Jahr keine solchen Symptome auf. Damals hatten diese Sorten im September damit aufgehört, Zucker einzulagern und hatten wochenlang Mühe, auf die gewünschten Öchsle-Grade zu kommen. «Dieses Problem sehe ich heuer nicht. In den letzten Wochen erhielten wir über 50 Liter Niederschlag. Die Reben sollten also keinen Stress bekommen», teilt Hans-Peter Baumann mit.

Gibts umweltfreundlichen Schweizer Wein?

Die Ökobilanz von Schweizer Weinen ist schlecht. Neue Studien zeigen jetzt, welche Sorten Besserung versprechen.

Quelle: Tages-Anzeiger vom 19.12.2016

 

Wenn wir an Weihnachten zum Festessen eine Flasche Wein öffnen, haben wir ökologisch schon gesündigt. Die Umweltbelastung des Rebensafts schlägt mehr zu Buche als jedes andere Getränk. Der Umweltforscher Niels Jungbluth, der in Schaffhausen ein unabhängiges Beratungsbüro für Ökobilanzen betreibt, hat gezeigt, dass die ökologische Belastung von Wein pro Liter mindestens doppelt so hoch ist wie bei Apfelsaft. Jene von Mineralwasser übertrifft sie bei weitem.

Die Schweizer trinken im Durchschnitt jährlich 35 Liter Wein pro Kopf. Während biologisch produzierte Produkte im allgemeinen einen starken Zuwachs verzeichnen, hat dieser Boom im Weinbau noch kaum Fuss gefasst. Nur knapp 500 von fast 15'000 Hektaren Rebland werden in der Schweiz nach biologischen Kriterien angebaut. Das sind weniger als 3 Prozent. In der Landwirtschaft generell sind es 12,8 Prozent.

Forscher der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil und des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (Fibl) in Frick sind nun der Frage nachgegangen, ob ein Biowein nachhaltiger produziert wird als ein Wein, der nach den Regeln der integrierten Produktion (IP) hergestellt wird. Resultat: Es gibt grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Weingütern, dies jedoch sowohl beim Bio- wie auch beim herkömmlichen Anbau. Letztlich lässt sich nicht sagen, welche Anbaumethode ökologischer ist. Aber:

«Wir haben klar gesehen, dass die Umweltauswirkungen von speziellen pilzwiderstandsfähigen Sorten bedeutend kleiner sind», sagt Peter Schumacher, Professor für Weinbau an der ZHAW. Diese sogenannten Piwi-Sorten (Abk. für pilzwiderstandsfähig) beruhen auf Kreuzungen von alten europäischen Sorten mit pilzresistenten amerikanischen Trauben. Sie benötigen um ein Vielfaches weniger an Pflanzenschutzmitteln. Wein aus diesen Sorten hat gemäss der Studie aufgrund des tieferen Spritzmittelbedarfs eine um 21 bis 61 Prozent niedrigere Umweltbelastung.

 

Acht Weingüter untersucht

Um ein möglichst genaues Bild des Schweizer Weinbaus zu erhalten, haben die Umweltforscher um Projektleiter Matthias Stucki in ihrer Studie acht Weingüter aus den wichtigsten Weinregionen der Schweiz detailliert untersucht. So nahmen die Forscher je zwei Biohöfe in der Westschweiz und in der Ostschweiz unter die Lupe, parallel dazu vier vergleichbare IP-Betriebe. Eine Bedingung war, dass die Biobetriebe auch die pilzwiderstandsfähigen Sorten anbauten. Diese werden zum Teil zwar auch in IP-Betrieben verwendet, jedoch in geringerem Ausmass.

Die Forscher bewerteten den Rebbau nach der Methode der sogenannten ökologischen Knappheit. Darin werden 19 Kategorien anhand der Anforderungen der schweizerischen Umweltgesetzgebung erfasst. So wird zum Beispiel der Einsatz eines Pestizids mit einer bestimmten Umweltbelastungs-Punktzahl bewertet. So werden alle entscheidenden Faktoren in die Umweltbilanz einbezogen, vom Treibstoffverbrauch bei Traktorfahrten bis zur Flaschenherstellung. Am Schluss resultiert eine vergleichbare Gesamtpunktzahl, die pro Flasche oder Liter vergeben wird. «Diese Methode der Umweltbelastungspunkte ist in der Schweiz anerkannt», sagt Niels Jungbluth, der in seiner Ökobilanz dieselbe Methode angewandt hat.

Auffallend sind die grossen Unterschiede zwischen den Betrieben. Der Grund: «Die Herstellung landwirtschaftlicher Produkte ist viel weniger standardisiert als etwa in der Industrie», sagt Ökobilanz-Experte Matthias Stucki. Jeder Betrieb arbeitet anders, es gibt Unterschiede in der Witterung, selbst die Lage des Betriebes kann einen Einfluss haben.

Den grössten Anteil am ökologischen Fussabdruck von Wein hat in allen Betrieben die Produktion der Trauben. Diese wird dominiert vom Einsatz der Pflanzenschutzmittel. Denn fast alle europäischen Sorten sind sehr anfällig für den falschen und echten Mehltau, weit verbreitete Pilzkrankheiten. Im Biolandbau werden dazu Kupferpräparate eingesetzt, in IP-Betrieben zudem auch viele verschiedene chemisch-synthetische Pestizide. Für die Ökobilanz sind beide schlecht. Zwischen 6- und 15 mal jährlich spritzen die Weinbauern ihre Rebberge ab. «Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln hat für den Weinbauern existenzielle Bedeutung», sagt Weinbauprofessor Peter Schumacher. Dies zeigte sich besonders deutlich im Weinbaujahr 2016, als die schlechte Witterung in der Periode um die Blütezeit den Reben zusetzte. «Wenn man in dieser Phase einen Spritzgang auslässt oder nicht optimal terminiert, kann dies gleich einen Ertragsverlust von bis zu 40 Prozent zur Folge haben.»

Eine Reduktion der Umweltbelastung im Rebbau kann folgerichtig, so sind die Experten überzeugt, vor allem durch die Reduktion des Spritzmittelbedarfs erreicht werden. Im Fibl laufen einige Projekte zur Reduktion des Kupfereinsatzes. Bahnbrechende Ergebnisse lassen aber noch auf sich warten.

Grosse Hoffnung setzt Peter Schumacher in die pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, zumal die ZHAW-Studie deren grosses Potenzial gezeigt hat. In guten Jahren müssten sie laut Schumacher gar nicht gespritzt werden, in schlechten 3- oder 4-mal.

 

Zunehmende Bedeutung

Dabei sind die sogenannten Piwi-Sorten nicht neu. In den 1950er-Jahren waren in Frankreich ein Drittel aller Rebberge mit diesen robusten Sorten bepflanzt, nachdem der falsche Mehltau eingeschleppt worden war. Doch lange Zeit hatten die entsprechenden Weine einen schlechten Ruf. Inzwischen haben die Winzer gelernt, auch aus solch alten Sorten wie Maréchal Foch gute Weine herzustellen – oder sie dienen als Kreuzungspartner für hoffnungsvolle Neuzüchtungen.

«Die Sorten fristen zwar noch ein Nischendasein», sagt Peter Schumacher. «Doch ihre Bedeutung nimmt zu.» Mittlerweile würden knapp 2 Prozent aus ­Piwi-Sorten gekeltert, schätzt Schumacher. Vor allem im Biolandbau haben sie eine gewisse Bedeutung erreicht. Ob sie sich im Markt durchsetzen, ist noch schwer absehbar: «Der Weinkonsument ist bezüglich seiner Vorlieben eher konservativ», sagt Schumacher. Immerhin kommen die Weine bei den Kritikern immer besser an. Bei der Weinprämierung 2016 der Schweizer Bioweine der renommierten Weinzeitschrift «Vinum» zählten die Produkte neu gezüchteter ­Piwi-Sorten wie Johanniter und Solaris bei den Weissweinen oder eine Assemblage aus den Sorten Cabernet Jura, Cabertin und Merlotin bei den Rotweinen zu den grossen Gewinnern.

Weinfestival 2016 Weinfestival 2016

Weinfestival 2016

«PIWI-Weine werden zu wenig gefördert»

Regent, Tambour und Co. sind gegen Pilzbefall immun

Quelle: Walliser Bote, 30.05.16

 

Visp. Lebensmittel, die naturnaher Produktion entstammen, liegen im Trend. Das weiss auch die Turtmänner Kellerei Diroso. Am vorgestrigen Weinfestival in der Visper Martinibar war sie mit 17 Weinen aus ungespritzten Rebsorten vertreten.

Die Reben, aus denen Weine wie etwa Regent, Tambour, Goldwin oder Bianca entstehen, müssten nicht gespritzt werden, weil sie von sich aus resistent gegen Pilzbefall seien, erklärt Roman Baumann von der Diroso-Kellerei.

Vor Urzeiten habe nämlich lediglich eine Rebsorte existiert. Erst, als sich die Kontinente voneinander geteilt hätten, hätte sich die Rebsorte an verschiedenen Punkten des Globus unterschiedlich entwickelt. Dabei habe der amerikanische Vertreter eine natürliche Resistenz gegen den echten und falschen Mehltaupilz entwickelt–der Grundstein für die heutigen sogenannten pilzwiderstandsfähigen PIWI-Weine, welche aus der Kreuzung von amerikanischen und europäischen Reben hervorgegangen sind.

 

Fachwissen steckt noch in den Kinderschuhen

Am alljährlichen Weinfestival seien die PIWI-Weine heuer zum ersten Mal vertreten gewesen, informiert Louis Viotti. Der Eigentümer des Martinikellers führt selbst einige PIWI-Weine im Angebot, welche bei seinen Gästen jeweils grossen «Gwunder» hervorrufen würden.

Dies bestätigt auch Baumann. Allerdings sei mit der Produktion und dem Verkauf von Weinen aus ungespritzten Rebsorten ein gewisser Mehraufwand verbunden. Dies, da den Kunden ein solches Angebot oft nicht bewusst sei und sie erst einmal auf die PIWI-Weine hingewiesen werden müssten.

Anders als bei der Produktion von herkömmlichem Wein könnten die Winzer zudem nicht auf jahrhundertelange Erfahrungen zurückgreifen. «In welcher Lage gedeiht diese oder jene Rebsorte am besten? Wie viel Bewässerung ist optimal? Bei der Produktion von PIWI-Weinen muss der Winzer dies alles selbst testen und herausfinden», illustriert Baumann.

Da man bei der Produktion allerdings die Kosten für die Spritzmittel einspare, lägen die Preise der PIWI-Weine etwa im selben Rahmen wie diejenigen für «normalen» vergleichbaren Wein.
 

Nicht alle haben Freude an den PIWI-Weinen

Allerdings: Da die meisten Rebsorten nicht AOC-anerkannt seien, halte sich der Kanton bei der Förderung von PIWIWeinen zurück. Die Weinproduktion dürfe lediglich im Rahmen von Versuchspflanzungen erfolgen. Um für ihre Interessen einzustehen, hätten sich deshalb vor einigen Jahren rund 30 Walliser Hobbywinzer zu einer entsprechenden IG zusammengeschlossen.

Die stiefmütterliche Behandlung seitens der Behörden sei indes keine spezielle Walliser Eigenheit: «Obwohl alle von Umweltschutz und Nachhaltigkeit sprechen, werden PIWI-Weine generell nicht gut gefördert», kritisiert Baumann.

Diesen Umstand begründet der Fachmann damit, dass insbesondere die grossen Kellereien nicht auf den Zug aufspringen wollen, da sie auf diesem Gebiet erst mühsam Fachwissen erwerben und Forschungen betreiben müssten. Zudem vermutet der Diroso-Mitarbeiter, dass auch grosse Agrochemiekonzerne wie etwa Monsanto, Syngenta oder Bayer gegen die Förderung von ungespritzten Rebsorten lobbyieren würden.

Trotz dieser Einschätzung bleibt Baumann optimistisch: PIWI-Weine würden je länger je mehr aufkommen, ist er sich sicher. Allerdings brauche es dazu ein Weilchen–Weinbau sei eben eine langwierige Angelegenheit.

PIWI-Reben in Leuk PIWI-Reben in Leuk

PIWI-Reben in Leuk

Mitglieder der IG PIWI präsentieren am Weinfestival Visp ihre Weine

Visp. Anlässlich des Weinfestivals in Visp werden beim Martinikeller am kommenden Samstag nebst zahlreichen traditionellen Walliser Weinen auch einzigartige Weinspezialitäten aus ungespritzten Rebsorten zur Degustation angeboten.

Quelle: Walliser Bote, 25.05.2016

 

Die noch relativ unbekannten Weinsorten wie Seyval, Johanniter, Bianca, Muscat bleu, Chambourcin oder Divico werden aus Trauben der gleichnamigen pilzwiderstandsfähigen Rebsorten gekeltert. Durch eine natürliche Widerstandsfähigkeit gegenüber Pilzkrankheiten können diese robusten Reben ohne Spritzmittelbehandlung kultiviert werden und bieten im Glas gleichwohl Weingenuss pur. Seit mehreren Jahren bauen auch Walliser Winzer erfolgreich pilzwiderstandsfähige Sorten an und produzieren daraus ausgezeichnete Weinraritäten. An diesem Samstag können neugierige Weinliebhaber in Visp gleich 15 verschiedene Weine aus ungespritzten Trauben degustieren.


PIWI – Was ist das?

PIWI-Weine werden aus Trauben von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten gekeltert. Diese Rebsorten entstanden durch Kreuzung von europäischen Reben mit amerikanischen Sorten, welche eine natürliche Resistenz gegen Pilzkrankheiten aufweisen. PIWI-Reben haben nichts mit Gentechnik zu tun. Sie sind–wie auch alle anderen gängigen Sorten–das Resultat herkömmlicher Kreuzungs-Züchtungen. Seit Jahrzehnten werden diese Sorten an verschiedenen Weinbauinstituten in Europa gezüchtet, selektioniert und zum Anbau freigegeben. Dank dem trockenen Klima im Wallis müssen diese robusten Reben nicht gegen Pilzkrankheiten behandelt werden.

Einer der Pioniere im Anbau von PIWI-Sorten ist Hans-Peter Baumann, Inhaber der DIROSO Kellerei in Turtmann. Er begann bereits 1990 mit dem Anbau und der Vinifikation von PIWI-Weinen. Im Jahr 2000 wurde diese Pionierarbeit für den naturnahen Rebbau mit resistenten Rebsorten von der Stiftung «Bio Vitis» mit einem Förderpreis ausgezeichnet. Der Beitrag wurde daraufhin in die Vereinsgründung der Walliser Interessensgemeinschaft zur Förderung der pilzwiderstandsfähigen Rebsorten investiert.


PIWI-Mitglieder präsentieren ihre Weine

Im traditionellen Weinbaukanton Wallis wollte man lange Zeit nichts von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten wissen. Mit vereinten Kräften konnte im Jahr 2005 nach zahlreichen, mühsamen Diskussionen bewirkt werden, dass wenigstens sechs PIWI-Sorten in den Walliser AOC-Sortenkatalog aufgenommen wurden. Es handelt sich um die weissen Sorten Bianca, Bronner, Johanniter und Solaris sowie die roten PIWI’s Regent und Léon Millot. Die IG PIWI Wallis wird seit 2002 von Hans-Peter Baumann präsidiert und zählt heute rund 30 Mitglieder. An diesem Samstag präsentieren nun die Vereinsmitglieder ihre Weine aus ungespritztem Anbau von 10.30 bis 18.00 Uhr beim Martinikeller in Visp. Nebst den PIWI-Sorten gibt es aber auch zahlreiche Weine von einheimischen traditionellen Kellereien zu probieren.

10 Fragen zu Wein

In den Rebbergen von Hans-Peter Baumann aus Turtmann VS wachsen über 50 verschiedene Trauben. Darunter auch pilzwiderstandsfähige (PIWI) Sorten.

Quelle: Schweizer Landliebe, August 2013, Interview von Christine Zwygart

 

1 Wie entstehen pilzwiderstandfähige Trauben?

Sie wurden und werden von Forschern und Privatpersonen gezüchtet. Dabei kreuzen sie krankheitsanfällige, europäische Edelsorten mit pilzresistenten amerikanischen oder asiatischen Urreben.


2 Wie heissen diese Trauben und was unterscheidet sie von gängigen Sorten?

Rote Trauben sind beispielsweise Regent, Chambourcin, Pinotin, Cabernet Jura, Divico, Muscat bleu. Weisse heissen Bianca, Johanniter, Cabernet blanc, Souvignier gris. Alle sind mehr oder weniger resistent gegen die häufigsten Pilzkrankheiten Oidium und Peronospora.


3 Gibt es Sorten, die besonders geeignet sind?

Jede Sorte hat ihre eigenen Ansprüche punkto Bodenbeschaffenheit, Sonneneinstrahlung, Niederschlagsmenge und Reifetemperatur. Beim vorteilhaften Klima im Wallis weisen alle PIWI-Reben sehr gute Resistenzen auf, so dass wir sie in den letzten zwanzig Jahren noch nie gegen Pilzbefall behandeln mussten.


4 Der Unterschied zu Bio-Weinen?

Im Bioweinbau werden Reben mit Produkten wie Kupfer und Schwefel gegen Pilzbefall behandelt – in manchen Regionen bis zu 20 Mal pro Jahr. Dies führt zu hohem CO2-Ausstoss, zu Bodenverdichtungen sowie zu einer erhöhten Konzentration von Kupfer und Schwefel auf den Trauben und im Boden. In einem PIWI-Rebberg fallen diese Spritzarbeiten ganz oder mindestens zu einem grossen Teil weg.


5 Was für Zukunfts-Chancen sehen Sie für diese Weine?

Sie sind vor allem für Bioweinbau interessant und zukunftsweisend. Im Spezialitätenmarkt fassen die Weine langsam Fuss. In absehbarer Zeit werden grosse Produzenten und Händler einsteigen, denn neben dem ökologischen Aspekt bergen diese Sorten auch ökonomische Vorteile.


6 Ihr Cabre Noir 2011 gewann Gold im PIWIWeinpreis. Was zeichnet ihn aus und zu was passt er?

Er wird aus Cabernet Jura und Regent assembliert. So entsteht ein ausgewogener Rotwein mit kräftiger Farbe und weichen Tanninen. Er vereint feine Kirschen- und Waldbeerenaromen mit zarten Düften nach Rosen und Orangen. Unser Cabre Noir harmoniert wunderbar mit italienischen Gerichten wie Pasta und Pizza.


7 Wie lange kann man PIWI-Weine lagern?

Allgemein gilt: Fruchtige Weissweine bis 4 Jahre, fruchtige Rotweine bis 6 Jahre, tanninreichere Rotweine bis 10 Jahre.


8 Sie sind Präsident der Interessensgemeinschaft PIWI-Weine im Wallis. Haben Sie Zulauf?

Bisher sind vor allem Hobbywinzer auf den PIWI-Zug aufgesprungen. Profis setzen lieber auf Altbewährtes. Doch auch renommierte Winzer zeigen mehr und mehr Interesse.


9 Ihr Wein-Stolz?

Unser Weisswein Mennas, vinifiziert aus den Trauben meiner selbst gezüchteten Rebsorte.


10 Ihr spezielles Wein-Erlebnis?

Eine Degustation mit PIWIInternational-Mitgliedern in Tschechien. In mystischen, unterirdischen Sandsteinkellern, umrahmt von Gesang und Poesie – das war Weinkultur pur.

Wie ökologisch ist Bio wirklich?

Quelle: Vinum Ausgabe vom 15. September 2015, Carte Blanche

 

Valentin Blattner

Im Bioweinbau mit klassischen Rebsorten wird bis zu zwölfmal jährlich gespritzt. Auf den Flaschen sucht man neben dem Bio-Label aber vergeblich einen entsprechenden Hinweis. Den Konsumenten wird so durch Fehlinformation ein falsches Bild von ökologischem Wein vorgegaukelt.
Der biologische Anbau von klassischen europäischen Rebsorten wie Pinot Noir, Riesling-Sylvaner und Gutedel ist ein reiner Betrug. Ein Betrug an der Natur, an sich selber und vor allem am Konsumenten. Ein biologischer Riesling-Sylvaner ist wie eine fliegende Kuh, ein schwarzer Schimmel oder ein sauberer Krieg – ein Ding der Unmöglichkeit.
Die bevorzugten europäischen Edelsorten weisen keinerlei Toleranz gegenüber den vor 150 Jahren aus Amerika eingeschleppten Mehltaukrankheiten auf. Deshalb müssen sie konstant mit Gift behandelt und geschützt werden. Nun wird meist argumentiert, dass die Dosis das Gift ausmacht. Und dass im Bioweinbau nicht mit synthetischen Produkten gespritzt wird. Aber das bedeutet nichts. Auch biologische Gifte töten. Wie ein Lebewesen umgebracht wird, ist egal. Tot ist tot.
Auch die Bodenqualität wird im Biorebbau nachhaltig zerstört: Die fürs Spritzen nötigen Traktoren fördern Verdichtung und Erosion.

Laut dem Schweizer Bodenschutzgesetz darf der Bauer keine Schwermetalle in die Erde bringen. Tut er das aber im Weinbau in Form von Kupfer, gilt das als biologisch und wird mit einer Prämie belohnt. Das beschönigende Argument, Kupfer komme auch in der Natur vor, hilft nicht weiter.

Das gilt nämlich auch für Uranium 235. Nach dieser Logik wäre also auch eine Atombombe biologisch.

Was passiert nun, wenn Winzer über Jahrzehnte oder Jahrhunderte jährlich drei Kilo Kupfer pro Hektar ausbringen? Unser Weinbau ist 2000 Jahre alt – das macht sechs Tonnen pro Hektar. Kupfer ist schon in kleinen Mengen eine Katastrophe. Darum wächst um Kirchen mit Kupferdach auch kein Gras mehr. Und darum gedeihen auf Pfählen im Biorebberg keine Flechten. Zudem leiden Flora und Fauna durch die bis zu 16 Durchfahrten, die es braucht, um die Kupferbrühe auszubringen. Das Bodenleben wird sprichwörtlich überfahren.
Ein Weinberg, der keine Insekten beheimatet, in dem keine Flechten wachsen und keine Mäuse graben, ist wohl biologisch – aber sicher nicht ökologisch. Ein biologischer Rebberg kann so tot sein wie ein konventioneller, doch auf dem Weinetikett prangt dann gross das Bio-Label. Es wäre angebracht, dem Konsumenten klar zu vermitteln, was er kauft. Es sollte zum Beispiel auf der Flasche deklariert werden, dass ein biologischer Blauburgunder zuvor zwölfmal gespritzt werden musste. Zum Vergleich: Gegen Mehltau resistente Rebsorten müssen nie oder nur ganz wenig gespritzt werden.

In meinen Rebbergen pflanze ich selbst gezüchtete pilzwiderstandsfähige Sorten (Piwi-Sorten) wie Cabernet Jura oder 32-7. Diese sind tolerant gegenüber Krankheiten und können sich selber gegen Schädlinge wehren.

Ich erfreue mich an dem Gesang der Grillen, dem Zirpen der Heuschrecken, dem gaukelnden Flug der Schmetterlinge und dem Gesang des Raubwürgers. Zudem bleibt mir viel Zeit, dies zu geniessen, da ich nicht konstant mit der Spritze durch die Reben fahren muss, um irgendein Gift – biologisch oder nicht – zu verpulvern. Übrigens gewinne ich mit meinen Piwi-Sorten auch Goldmedaillen. Der Wiedererkennungswert meiner Weine ist grösser als derjenige mancher Edelsorten. Deshalb sei hier die Frage erlaubt: Was ist denn eine Edelsorte? Aus ökologischer Sicht sind meine Sorten die wahren Edelsorten.

Valentin Blattner ist Winzer im Schweizer Jura und seit über 30 Jahren Züchter und Erforscher von Piwi-Sorten.

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